© Peter Seifert 2014
01. Januar 2014 Das erste Jahr als Bahnhofsbesitzer (Eigentümer bin ich erst seit der Eintragung ins Grundbuch) ist Anlaß ein Resümeé zu ziehen. Mit 55 Jahren ist man dann auch vielleicht schon in dem Alter daran zu denken, was man erreicht, bzw. was man verpasst hat. In dem Buch “5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen” stellt die Autorin Bronnie Ware Personen vor, deren Erkenntnisse nachdenklich machen und in Erinnerung rufen, worauf es im Leben wirklich ankommt. Versäumnis Nr. 1 Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mir selbst treu zu bleiben, statt so zu leben, wie andere es von mir erwarteten Den Punkt kann ich abhaken. Erst kürzlich hat man mir zu meiner Gradlinigkeit gratuliert. die ist es dann vielleicht auch, die bei den Anderen zu Irritationen führt. Der Weg des geringsten Widerstandes ist nicht meiner und auch nicht der Wille “Everybodys Darling” zu werden. Man kann nur Wellen schlagen, wenn man auch einmal bereit ist Stein des Anstoßes zu sein. Versäumnis Nr. 2 Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet Über Arbeitsmangel brauche ich mich wahrlich nicht zu beklagen. Und es ist auch nicht die Arbeit, die mir von außen auferlegt wird, sondern die, die man sich selbst ausgesucht hat. Ist es aber nicht ein entscheidender Unterschied, weshalb man und für was man arbeitet? Ist die Arbeit falsch, wenn sie darin besteht, die Welt besser zu machen, Spuren zu hinterlassen, Anstösse zu geben. In dem 1. Jahr als Bahnhofsbesitzer wurde die alte Heizung mit fossilen Brennstoffen auf eine nachhaltige, energiesparende Variante umgestellt. Ich konnte mit meiner Hände Arbeit einen Raum schaffen für Jemand, der 20 Jahre lang von einem Provisorium ins andere verfrachtet wurde. Und nicht zuletzt die Arbeit an dem Kulturprogramm im Bahnhofssaal. Das “Herr Seifert, jetzt ist die Kultur wirklich im Alltag angekommen” eines Konzertbesuchers war Entschädigung genug für die Arbeit davor und danach und zeigt, dass es die Mühe wert ist. Versäumnis Nr. 3 Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, meinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen Sehr oft habe ich nach Leserbriefen Zuschriften, oder Anrufe erhalten mit der Bitte mich dieses, oder jenes Themas anzunehmen. Aufgrund der Leserbriefe kam nicht selten ein Schlagabtausch, oder ein zustimmender Dialog zustande, dem ich entnehmen konnte, dass man es sehr wohl schätzt, wenn hier Jemand zu einem Thema das Wort ergreift. Es geht auch nicht darum immer der gleichen Meinung zu sein. Das darüber sogar wertvolle Freundschaften entstehen können, ist ein Geschenk, dass mir im letzten Jahr im besonderen Maße zuteil wurde und mich darin bestätigt hat, unbeirrt weiter meinen Weg zu suchen. Versäumnis Nr. 4 Ich wünschte, ich hätte den Kontakt zu meinen Freunden gehalten Ich kann nicht nachvollziehen, weshalb so viele Internetnutzer so scharf auf die “Likes” sind, auf die große Anzahl an Freunden, oder Followern. Am Ende zählen nur die echten Freunde, die es bedauern würden, wenn man nicht mehr unter Ihnen weilt. Zeitmangel durch Arbeitsüberlastung ist sicher in den meisten Fällen der Grund, weshalb der eine, oder andere es nicht schafft Kontakte zu entwickeln und zu halten. So konnte ich am alljährlichen Klassentreffen meiner alten Realschulabschlussklasse in Freiburg nicht teilnehmen. Teilnehmen deshalb, weil am gleichen Abend im Wartesaal ein Theaterstück gegeben wurde. Es ist Ausgleich genug zuu erleben, dass viele das erst im letzten Jahr geschaffene Kulturangebot im Bahnhof schätzen und gerne die verschiedenen Angebote annehmen. Die vielen Bücher, die im letzten Jahr seid der Einweihung des Roten Regals getauscht und verbreitet wurden haben auf ihre Art Kontakte geknüpft. Wer an die Theorie der “Morphischen Felder” glaubt wird nachvollziehen können, dass alle Gedanken, die ein Leser beim Lesen eines Buches gehabt hat, mit diesem verbunden sind. Wenn dieses dann “auf Reisen” geht, gehen die Gedanken mit und treten ihrerseits in Verbindung mit dem Leser, der als nächster dieses Buch in Händen hält. Was will man mehr. “Nichts läßt die Erde geräumiger erscheinen, wie wenn man Freunde in der Fremde hat” H.D. Thoreau Versäumnis Nr. 5 Ich wünschte, ich hätte mir mehr Freude gegönnt. Es gibt Diejenigen, die Freude empfinden, wenn sie sich alljährlich das neueste Automodell kaufen. Das man mit dem Alter bescheiden wird, habe ich im letzten Jahr an meinem 92-jährigen Vater erfahren dürfen, der in ein Pflegeheim aufgenommen wurde. “Alles was Du besitzt, besitzt auch dich”, heißt es zurecht. Das konnte ich dann immer leidvoll feststellen, wenn mal eine Haupt-Sicherung rausgeflogen ist, oder irgend ein anderes Anliegen rund um den Bahnhof zur Disposition stand. Kann man daran Freude empfinden? Man kann! Wenn man weiß, dass die Umstellung der Energieversorgung auf nachhaltiges Wirtschaften unseren Kindern und Kindeskindern zugute kommt. Wenn man sicher sein kann, dass das Konzept für ein Mobilitätscenter am Bahnhof Teil einer zukunftsweisenden Verkehrspolitik ist. Wenn man im Verlauf des Jahres immer wieder aus unterschiedlichen Richtungen hören darf, dass man auf dem richtigen Weg ist. Wenn dann der eigene Sohn mit Freunden feststellt, dass sein Vater nicht an Denjenigen vermietet hat, der den höchsten Preis bezahlt, sondern an den, der es am Dringensten braucht. Dann habe ich mir damit schon genug Freude gegönnt. Ich habe meiner Präsentation des Konzeptes für den Bahnhof vor dem Gemeinderat den Satz von Hermann Hesse beigefügt: “Wenn man Menschen glücklicher und heiterer machen kann, so sollte man dieses tun.” Für die Einen ist es Last, für die Anderen eine niemals endende Quelle der Freude. Dass es trotz der vielen Arbeit wieder geklappt hat in Kontakt mit unseren Freunden in Royan kommen zu können und es dieses Jahr an uns liegt, sie als Gäste zu begrüssen, hat uns besonders gefreut. Ob die von ihnen vorgeschlagene Jumelage mit dem Bahnhof Royan etwas wird, mag die Zeit uns zeigen. Für Diejenigen, die nun auf die Idee kommen sollten, dass diese Bilanz der Grund sein könnte still zu stehen und die Hände in den Schoß zu legen: “The show must go on”. 13. Januar 2014 Die freundliche Toilette! Der Antrag für den Einbau einer sogenannten freundlichen Toilette wurde beim Bauamt abgegeben. Dies beinhaltet den Einbau von 3 Damen-WC und 3 Herren-WC mit 3-4 Urinalen im Keller des Südtraktes des Bahnhofs. Die Anlage wird dann aber nicht nur den Besuchern des Backshops zur Verfügung gestellt; sie wird auch der Allgemeinheit zugänglich sein und die unbefriedigende Situation im Bahnhofsbereich verbessern. Die Zukunft wird dann zeigen, wie “pfleglich” mit diesem Angebot umgegangen wird. 17. Januar 2014 Mit dem Hinweis, dass eine Ausweisung als “nette Toilette” mit einer entsprechenden Bezuschussung der Betriebskosten für den Kernbereich nicht vorgesehen ist, wird mir mitgeteilt, dass mein Antrag abgelehnt ist. 05. Februar 2014 Unter Hinweis auf Förderprogramme des Landes für die Verbesserung der Fahrradverkehrsinfrastruktur gibt man mir den Rat die Schaffung der gesicherten Unterstellplätze im Bahnhof der Stadt balingen als Bauträger anzubieten. Die 70 möglichen Unterstellplätze könnten damit öffentlich gefördert werden, auf die Erhebung eines Nutzungsentgeltes könnte ich dann verzichten. Ich unterbreite mein Angebot den entsprechenden Platz auch per grundbuchrechtlicher Verpflichtung zur Verfügung zustellen. Bei einem geschätzten Eigenanteil der Stadt in Höhe von 10-20.000€ für bis zu 70 Plätze ein interessantes Angebot, angesichts der Tatsache, dass die zuletzt errichteten 5 Blechboxen für das Einschliessen von 5 Fahrrädern immerhin 10.000€ gekostet haben. 18. Februar 2014 Nach mehreren Besprechungen teilt man mir mit, dass unter “Berücksichtigung der bestehenden Eigentumsverhältnisse sowie der hieraus resultierenden rechtlichen und finanziellen Verflechtungen und Erfordernissen die Stadt Balingen voraussichtlich nicht Bauherr der Maßnahme sein wird. Die Stadtverwaltung ermittelt für mich aber noch die öffentlichen Fördermöglichkeiten für private bzw. gewerbliche Bauherrn.” im Verlauf des Februars Trotz eines Hinweises in der Hausordnung der DB auf ein Verbot des Verzehrs von übermäßigen Alkohol auf dem Bahngelände hat es sich eingebürgert, dass eine Gruppe Heranwachsender tagtäglich bereits ab der Mittagszeit in reichlich angetrunkenem Zustand den Wartesaal bevölkern. Neben der Belästigung der Bahnreisenden, der Verschmutzung durch umgekippte Bierflaschen kommt es dann auch noch zu einer Schlägerei mit einer Körperverletzung durch eine auf den Kopf geschlagene Bierflasche. Die mehrfach herbeigerufene Polizei ist machtlos. Erst als der Mitarbeiter der Fahrkartenausgabe eine neue Hausordnung aushängt mit dem Hinweis, dass der Alkoholgenuss und das Rauchen im Wartesaal grundsätzlich verboten sind, kehrt Ruhe ein. In einem Gespräch mit einem zuständigen Mitarbeiter der Verwaltung der Bahnhöfe wird mir bestätigt, dass ich das Hausrecht im Wartesaael habe und berechtigt bin meine eigene Hausordnung zu erlassen und durchzusetzen. Dreimal auf Holz geklopft. Seit dem Aushang wird die “neue Hausordnung” respektiert und es ist zu keinen weiteren Vorkommnissen mehr gekommen.
Die Chronik  ab Januar 2014
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